Yes, we can!

"I know that the human being and fish can coexist peacefully." – mit dieser etwas kryptischen Aussage lies der damalige US-Präsident George W. Bush einst aufhorchen. Hatte man doch bis dato noch keinen Hinweis auf mögliche Aufstände der schuppigen Meeresbewohner erhalten – bis auf die Filme „Der Weiße Hai 1 bis 4“ vielleicht. Bush selber wollte damit wohl nur seine Freunde aus der Ölindustrie gegen Vorwürfe verteidigen, ihr Geschäft bedrohe den Lebensraum vieler Fischarten. Doch gerade der fotografierende Taucher ahnt die tiefere Weisheit hinter seinen Worten: ist es denn nicht so, dass sich der Hai immer außerhalb der für Weitwinkel sinnvollen Distanz aufhält? Oder führt etwa nicht jedes noch so vorsichtige Ausatmen zu Chipkarten voller Bilder, auf denen ganze Fischschwärme in schönster Synchronität von hinten abgebildet sind? So mancher Unterwasserfotograf hat schon frustriert den Erwerb eines Rebreathers in Erwägung gezogen, dabei gibt es eine einfache und viel billigere Alternative.

Apnoe-Tauchen, oder einfach: Freitauchen, erfährt seit einiger Zeit ein sagenhaftes Comeback. Man könnte meinen, es sei einfach nur das nächste große Ding für die Tauchindustrie, aber das hieße zu ignorieren, welche Tradition hinter dieser Sportart steht und welche Möglichkeiten sie für erfahrene Gerätetaucher und absolute Anfänger gleichermaßen bereit hält.

Auf Dhidhoofinolhu hat man diese Möglichkeiten erkannt. Die Insel ist besser bekannt unter dem Namen des sich darauf befindlichen Resorts LUX* South Ari atoll. Wie in allen Hotels der LUX*-Gruppe pflegt man hier einen sehr entspannten gehobenen Lifestyle. Dabei spielt Nachhaltigkeit und das Bewusstsein für die umgebende Natur eine große Rolle. Eines der jährlichen Highlights im Veranstaltungskalender von LUX* ist das Unterwasserfestival, das ganz im Zeichen von Fotokursen, Exkursionen unter der fachkundigen Anleitung von Meeresbiologen und eben Apnoe-Tauchen steht. Ich bin zusammen mit dem mehrfachen Weltrekordhalter Christian Redl angereist, der seit einigen Jahren im Rahmen des Festivals Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene gibt. Jeden Morgen trifft sich eine bunte Truppe am Strand, um dort das Apnoe-Tauchen zu lernen. Bevor es los geht, darf jeder einmal so lange die Luft anhalten, wie er es vermag und seine Zeit notieren. Ungläubiges Staunen in der Runde, als Christian verkündet, jeden mindestens zu einer Verdopplung dieser Zeit bringen zu wollen. Zunächst gilt es, das richtige Atmen zu üben und die Körperfunktionen herunterzufahren. Das fällt hier im Schatten der Palmen niemandem schwer, und man sieht wie sich selbst gestresste Manager nach kurzer Zeit völlig entspannen. Bei den abschließenden Statik-Tauchgängen gilt es, bewegungslos mit dem Gesicht im Wasser liegend das Zucken des Zwerchfells, mit dem sich der Atemreflex meldet, möglichst lange zu ignorieren. Edward, Manager eines Investmentfonds und Herr über Milliarden Dollars, hebt jedes Mal nach exakt der gleichen Zeit den Kopf aus dem Wasser. Ein Fall für Christian, der ihm erklärt, dass dies genau die Zeit ist, die er seinem Körper mit seinen normalen rationalen Mitteln aufzwingen kann und dass er diese Zeit nur steigern wird, wenn er sich wirklich auf das einlässt, was sein Körper ihm sagt. Und tatsächlich, beim nächsten Versuch schafft Edward unglaubliche eineinhalb Minuten mehr als zuvor. Als wir am Ende die erreichten Zeiten aufschreiben, gibt es rundum nur stolze Gesichter. Es haben tatsächlich alle ihre Zeiten verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht.  

Nachmittags wollen wir das Erlernte nun in die Praxis umsetzen. Wir fahren zu einem der schönsten Tauchspots im südlichen Ari Atoll, dem Wrack der Kudimaa vor der Insel Machchafushi. Die Sicherungsleine wird an der Brücke in etwa 20 Metern Tiefe befestigt, so dass jeder Taucher unabhängig von seinen Fähigkeiten auf seine Kosten kommt. Fortgeschrittenere können die Aufbauten des ehemaligen Frachters erkunden. Wer nicht so tief tauchen kann oder möchte, kann das Wrack aber auch aus einer geringeren Tiefe begutachten. Begleitet wird man dabei von einem Schwarm neugieriger Fledermausfische, die sich wohl fragen, was das für eine neue Sorte von Tauchern ist, die weder Geräusche noch lästige Luftblasen ausstößt. Müde, aber sehr zufrieden kehren wir zurück. Ich lasse den Tag in meinem eigenen kleinen Infinity-Pool ausklingen, mit dem mein Bungalow wie alle Wasserbungalows auf LUX* ausgestattet ist und sinniere noch ein wenig über die Frage, ob sich Einfachheit und Luxus ausschließen müssen. Die Antwort ist: kein Bisschen.

Am nächsten Tag steht eine Exkursion zum Außenriff an, das direkt hinter der Insel verläuft. Hier lebt eine große Anzahl verschiedener Schildkröten. Begleitet wird die Ausfahrt von Jillian Hudgins. Die kanadische Wissenschaftlerin arbeitet für das Olive Ridley Projekt, das sich dem Kampf gegen die sogenannten „ghost nets“ verschrieben hat – Fischernetze, die von ihren Besitzern aufgegeben oder verloren wurden und nun tödliche Fallen für Schildkröten darstellen. Im Rahmen des Unterwasserfestivals ist sie hier, um ihr Projekt vorzustellen und über die verschiedenen Arten von Meeresschildkröten zu sprechen, die rund um die Malediven leben. Ausgerüstet mit Flossen, Maske und Schnorchel lassen wir uns mit der leichten Strömung über das wunderschön mit Hartkorallen bewachsene Riff treiben. Da die Schildkröten zwischen den Korallen extrem gut getarnt sind, sehen wir erst nach und nach, wie viele dieser Tiere hier leben. Auch wenn wir im Verhältnis zu den Schildkröten noch immer unbeholfene Landtiere sind, können wir doch unsere neu erworbenen Fähigkeiten gut brauchen, um ein Stück mit ihnen mitzutauchen, während sie unermüdlich durch das Riff streifen und hin und wieder an einem Stück Koralle knabbern.

Ein Pfund, mit dem das südliche Ari Atoll wuchern kann, ist die große Chance auf eine Begegnung mit Walhaien. Die riesigen Planktonfresser ziehen an der Außenseite des Atolls vorbei, wobei sie praktischer Weise meistens dicht unter der Oberfläche bleiben, während sie ihre Nahrung aus dem Wasser sieben. Besonders gerne halten die Haie sich vor der Flughafeninsel Maamigili auf. Da es von LUX* nur eine kurze Fahrt mit dem Dhoni hierher ist, haben wir die Möglichkeit, die üblichen Zeiten, zu denen sich bis zu zehn Boote gleichzeitig einfinden, zu vermeiden. Mehr Boote bedeuteten natürlich auch, ein viel größeres Areal auf der Suche abdecken zu können. Wir hingegen vertrauen den Adleraugen von Haleem, der oben auf dem Dach des Dhonis steht und mit unbewegter Mine das Meer nach einem verdächtigen Schatten oder der charakteristischen Rückenflosse absucht. Längst haben wir es aufgegeben, ihn dabei zu unterstützen. Jede verdächtige Bewegung hatte sich als falscher Alarm entpuppt, stets hatte der Mann am Ruder nur müde abgewunken. So geben wir uns dem einschläfernden Getucker des Motors und dem sanften Schaukeln des Bootes hin, als plötzlich Bewegung in die Sache kommt. Haleem hat, mehr aus Instinkt, denn mit sinnlicher Wahrnehmung, einen Walhai ausgemacht, der achteraus in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist. Nun gilt es das Boot zu wenden, ohne das Tier dabei aus den Augen zu verlieren. Wir überholen in gebührendem Abstand, um dort ins Wasser zu kommen, wo der Hai –hoffentlich- vorbei schwimmen wird. Hinter einem Walhai in voller Fahrt herzuschwimmen ist ziemlich zwecklos, so gemütlich seine Bewegungen vom Boot aus auch aussehen mögen. Angefeuert von Haleem und dem Rest der Crew schnorcheln wir dem vermuteten Treffpunkt entgegen. Unter uns endloses Blau, von dem sich lediglich die Strahlen der Sonne abheben, verlieren wir schon ein wenig die Orientierung, als plötzlich die imposante Silhouette des Hais in Sicht kommt. Eine gefühlte Ewigkeit und doch viel zu schnell zieht er an uns vorbei. Ein vorsintflutliches Wesen, Punkte, Linien, das riesige Maul. Eine Ausstrahlung gewaltiger Friedfertigkeit. Ein Stück weit können wir mit ihm mithalten, wobei ich heilfroh über meine langen Apnoe-Flossen bin. Dann verschwindet der Hai wie er gekommen ist. Wir schnorcheln noch ein wenig herum in der Hoffnung, dass der Hai vielleicht noch einmal zurückkäme. Christian und ich halten uns etwas abseits der Gruppe – und haben Glück: in etwa 15 Metern Tiefe zieht der Walhai genau unter uns durch. Schnell tauchen wir ab und kommen dem Riesen der Meere noch einmal ganz nah. Ein perfekter Augenblick.

Am Abend steht die Abschlussfeier des Unterwasserfestivals an. Eine Menge frischgebackener Apnoe-Taucher bekommen ihr Brevet überreicht, es werden neue Freundschaften begossen und Pläne für gemeinsame Abenteuer geschmiedet. Später, als wir in kleiner Runde am Anlegesteg sitzen, findet sich wie jeden Abend ein Mantarochen ein, um sich am Plankton sattzufressen, das von unserem Licht angezogen wurde. Während er seine Pirouetten dreht, lassen wir die Erlebnisse der Woche Revue passieren. Wir haben die Unterwasserwelt auf eine ganz neue, dabei so alte Art kennengelernt. Ob Mensch und Fisch wirklich friedlich zusammenleben können? Sagen wir es mit den Worten eines anderen Präsidenten: yes, we can!